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Archiv: Gemeinde Schopfloch

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Autor: Gemeinde Schopfloch
Artikel vom 07.05.2020

Ende des Zweiten Weltkrieges in Schopfloch, Ober- und Unteriflingen 1945

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich am 08. Mai zum 75sten Mal.

Aus diesem Grund veröffentlichen wir erneut die Sonderbeilage aus dem Jahr 1995 zum damals 50sten Gedenken an das Kriegsende in unserer Gemeinde.

Die Chronik von Schopfloch „Jahrgang 1945“ ist vermutlich Mitte der 50er Jahre von Seiten der Gemeinde selbst verfasst worden, alle anderen Beiträge wurden 1995 von Zeitzeugen geschrieben.

Der Bericht über das „Kriegsende in Oberiflingen“ stammt aus der Feder des früheren Bürgermeisters Karl Joos, der von 1954 bis 1970 dort Bürgermeister war und 2018 verstorben ist.

Die „Erinnerungen an die letzten Wochen und Tage vor Kriegsende und danach in Unteriflingen“  hat der langjährige Ortsvorsteher Erwin Beilharz verfasst. Er ist im Jahr 2015 verstorben.

Die „Erinnerungen eines 60-jährigen, wie er das Kriegsende als 10-jähriger erlebt hat“ wurden von dem Schopflocher Roland Maier zu Papier gebracht.

Johannes Schultheiß, ebenfalls Schopfloch, zum Zeitpunkt des Einmarsches 11 Jahre alt, schilderte 1995 die damaligen Ereignisse aus seiner Sicht. Herr Schulheiß ist 2015 verstorben.

Auch wenn derzeit die Corona-Krise in der öffentlichen Wahrnehmung vieles überlagert, empfehle ich Ihnen die Lektüre dieser von Zeitzeugen stammenden Aufsätze.

Außerdem finde ich die Rede des früheren  Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, die er am 08.05.1985 im Bundestag gehalten hat, auch und gerade heute wieder sehr lesenswert. Hier ein Auszug daraus:

„Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen - der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.

Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.“

Die gesamte Rede ist im Internet abrufbar.

Klaas Klaassen
Bürgermeister

 Früherer Bürgermeister Schwarz rechts im September 1945 von den Franzosen eingesetzt zusammen mit seiner damaligen Sekretärin Frau Kniewitz - Bild wird mit einem Klick vergrößert
Früherer Bürgermeister Schwarz rechts im September 1945 von den Franzosen eingesetzt zusammen mit seiner damaligen Sekretärin Frau Kniewitz
 Die frühere Dorfmitte von Schopfloch - das Bild wird mit einem Klick vergrößert
Die frühere Dorfmitte von Schopfloch

50 Jahre danach - Ausschnitte aus der Chronik der Gemeinde Schopfloch

„Jahrgang 1945“

Am 15.01. etwa 20 cm hohe Schneedecke. Der Bahnschlitten wird gefahren. Währenddessen Fliegeralarm. Man sieht die Flugzeuge nicht. Plötzlich hört man ein Sausen in der Luft und einen gedämpften Krach.

Eine Bombe hat auf dem Vorplatz der Kirche, hinter dem Kriegerdenkmal eingeschlagen. Die umliegenden Gebäude wurden mehr oder weniger demoliert: an der „Rose“ wurde der Giebel eingedrückt. Die Gebäude Ziegler, Kohler, Hayer, Schul- und Rathaus, Friedrich Kugler, Geschwister Kugler, Barth, Kilgus u.a. erlitten in der Hauptsache größere und kleinere Dachschaden, die Kirche ebenfalls. Die Fenster gingen in der ganzen Umgebung in Trümmer.

Glücklicherweise wurde kein Mensch verletzt, was an ein Wunder grenzt. Ein Landwirt, der sich mit seinen 2 Pferden auf dem Weg noch 30 m vom Einschlagort befand, kam heil davon, ebenso die Pferde, welche scheuten und die Flucht ergriffen.

Die Aufräumungs- und Wiederherstellungsarbeiten wurden sofort begonnen. Bereitwillig wurden von Freudenstadt Ziegel und vom Sägewerk Bretter zur Verfügung gestellt, und bis zum folgenden Abend hatten die freiwilligen Helfer die Dächer notdürftig zugedeckt.

Das Kriegerdenkmal wurde mitsamt dem Sockel von der Treppe gestürzt und beschädigt.

Am 23.02. konnte man abends am nördlichen Horizont einen großen Brand beobachten. Es war die Stadt Pforzheim, welche in dieser Nacht zerstört wurde.

01.03. Fliegerangriff auf die Halle an der Glattener Straße. Im März fortlaufend Beunruhigung durch feindl. Jagdbomber.

22.03. Angriff auf den Bahnhof. Bomber treffen das Geleise in der Höhe des Güterschuppens. Starke Beschädigungen am Stationsgebäude und Güterschuppen. Besonders auch an den Gebäuden Lutz und Barth. Kleinere Schäden an den anderen benachbarten Gebäuden.

Tiefflieger beunruhigten die auf den Feldern arbeitenden Einwohner, so dass die Gespanne scheuten und durchgingen. Es kam soweit, dass die Feldbestellungen erst bei Einbruch der Dunkelheit begannen, und bis in die Nacht hinein ausgedehnt werden mussten.

Häufige Angriffe von Fliegern auf den Straßenverkehr Freudenstadt – Horb. Ein toter Soldat bei Beschießung eines Lastwagens auf der Schopflocher Höhe. Er wird auf dem Schopflocher Friedhof beerdigt.

Eine Anzahl Bomben fallen am östlichen Dorfrand (Sportplatz – Rödelsberg) unter heftigen Erschütterungen. Kleinere Sachschäden an Gebäuden. Das Projekt, in der Gemeinde einen größeren Luftschutzbunker gemeinschaftl. zu bauen, kommt nicht zur Ausführung. Stattdessen werden von verschiedenen Familien da und dort kleine Unterstände errichtet, und auch bei Gefahr benützt.

Anfang April 1945 nähern sich die aus der Gegend von Karlsruhe-Pforzheim her vordringenden franz. Gruppen entlang der Enz unserer Gegend. Am Sonntag, den 15.04., sieht die Bevölkerung mit bangem Herzen die Zeichen der sich nähernden Front. Vom Rödelsberg aus sieht man Brände in der Richtung Besenfeld, Altensteig.

Man sieht Bombenabwürfe und die daraus entstehenden Brände. Abends sieht man einzelne Brände in Freudenstadt.

Montagabends (16.04.) Freudenstadt gleicht einem Flammenmeer, Granaten aus der Richtung Besenfeld zünden dort immer aufs neue. Man kann gut die beiden brennenden Türme der evang. Stadtkirche unterscheiden. Die hiesigen Einwohner denken mit großer Sorge an das, was ihnen und dem Dorf unabwendbar bevorsteht. Es schlafen in dieser Nacht die wenigsten Leute.

Am folgenden Tag, dem 17. April, sollte der Krieg auch über unsere Gemeinde hinweggehen. Morgens hört man bereits von einem Anmarsch aus der Richtung Pfalzgrafenweiler, deutsche Artillerie, welche am Vortag noch aus Richtung Dornstetten durchmarschierte, soll in der Nähe von Oberiflingen in Stellung gegangen sein. Einige deutsche Soldaten befinden sich noch im Dorf.

Gegen 10.30 Uhr vormittags kommen junge Leute, die Ausguck hielten, ins Dorf zurück mit der Meldung, dass aus Richtung Hörschweiler Panzer anrollen. Man hört bald das sich verstärkende Geräusche der sich nähernden Fahrzeuge.

Das von einigen Bürgern im Interesse der Schonung des Dorfes vorgesehene Hissen einer weißen Flagge wird im letzten Moment unterlassen, wegen der von deutscher militärischer Seite ausgesprochenen Drohung der Zerstörung des Dorfes durch deutsche Artillerie.

Einige beherzte Einwohner stellten sich nun an der Einmündung der Dornstetter Straße auf, und übergaben dem bald anrollenden ersten franz. Panzer das Dorf. Weitere Panzer folgten, auch von Westen über die „Krumme Steige“ und die Glattener Straße.

Bald war das Dorf besetzt. Die Häuser wurden von den Franzosen vielfach durchsucht, und es wurde von ihnen nach Essbarem usw. gesucht. Bald knallte es im ganzen Dorf. Es galt den freiherumlaufenden Hühnern, von denen viele abgeschossen wurden.

Plötzlich da und dort Granateinschläge im Dorf. Die deutsche Batterie bei Oberiflingen hatte das Feuer eröffnet, hauptsächlich auf die Straßenkreuzung der Vorstadt. Eine Granate explodierte zwischen den Gebäuden M. Kugler, Krone und

Ziegler Friedrich. Eine am Fenster stehende Frau wird schwer verletzt. Ein Franzose getötet. Aus dem Haus von Wagnermeister Maier an der Horber Straße schlagen Flammen infolge Volltreffers. Löschversuche sind zwecklos, das Haus brennt ab.

Inzwischen sind die franz. Panzer zur Bekämpfung der deutschen Artillerie aufgefahren und sie bringen dieselbe, zum Glück für unser Dorf, bald zum Abzug.

Die Franzosen geben Befehle, dass alle Fahrräder, Waffen, Fotoapparate auf dem Rathaus abzuliefern sind. Bald häufen sich vor dem Rathaus die Fahrräder zu Bergen. Durch Unvorsichtigkeit eines franz. Soldaten wird dabei einer Frau eine Kugel ins Bein geschossen. Die Bevölkerung darf die Häuser nicht verlassen ohne Risiko.

Im Hause Braun, Horber Straße, gab es in diesen Tagen ein großes Unglück, als der Knecht und das Bübchen eine franz. Handgranate in die Finger bekamen, die dann beim Spielen explodierte. Beide kamen dabei im Wohnzimmer ums Leben.

Am 21.04. mussten auf Befehl der Besatzung die Häuser von Joh. Finkbohner, Fritz Pfau, Andreas Pfau, Joh. Braun an der Horber Straße, Joh. Kilgus, Rothfuß und Schleeh an der Dornstetter Straße, völlig geräumt werden. Sie wurden von der Besatzung belegt.

Im Hause Fritz Pfau wurde die Ortskommandantur angeschlagen, der Hof durch einen Schlagbaum abgesperrt. An der Linde stand ständig eine Wache. Die vor dem Haus aufgezogene Trikolore musste durch Hutabnehmen gegrüßt werden.

Im Haus Rothfuß wurde Küche und Verpflegung etabliert. Die anderen Häuser dienten den meisten farbigen Soldaten als Quartier. In der „Rose“ war Offiziersmesse.

Am 22.04. Einquartierung einer marokkanischen Maultierkolonne. Gewalttätigkeiten gegen die Bevölkerung.

Als Dauer-Besatzung erhält die Gemeinde eine franz. Munitionskolonne mit größerem Wagenpark. Ihre Tätigkeit besteht in der Einsammlung der überall im Umkreis von etwa 100 km umherliegende Artillerie-Munition, Bomben und anderen Explosionskörpern.

Große Stapel davon sind entlang dem Hörschweiler Weg und auf den angrenzenden Wiesen aufgesetzt. Bürger von Schopfloch und aus den umliegenden Orten müssen durch den Bürgermeister von Schopfloch für diese Arbeiten aufgeboten werden.

Die Erntearbeiten sind auf den betroffenen Feldern sehr behindert. Bei den überall umherliegenden Sprengkörpern muss immer wieder mit Unglücksfällen gerechnet werden.

40 – 50 deutsche Kriegsgefangene treffen bei der franz. Besatzung zur Arbeitsleistung an, und müssen untergebracht werden.

Infolge Krankheit tritt Bürgermeister Braun zurück und es wird am 03.09.1945 der Kaufmann Otto Schwarz zum kommissarischen Bürgermeister der Gemeinde ernannt. Mit einigen auf Vorschlag ernannten Beiräten übernimmt er die Gemeindeverwaltung.

Die Wehrmachtshalle an der Glattener Straße wird als Unterkunft für die deutschen Kriegsgefangenen eingerichtet – die letzten erreichbaren Radios werden von der Besatzung angefordert.

Dann und wann kehrt ein Bürger aus alliierter Kriegsgefangenschaft zurück. Insbesondere die aus amerikanischer Gefangenschaft kommenden können sich jedoch noch nicht ganz sicher fühlen. Es kommt vor, dass solche Leute von den Franzosen wieder aufgegriffen und nach Frankreich gebracht werden.

Die franz. Wache vor der Ortskommandantur (Hans Pfau) erweist sich als gefährliche Passstelle, und wird manchem sich schon frei fühlenden Heimkehrer zum Verhängnis.“

Oberiflingen (März 1995)

Kriegsende in Oberiflingen

Die ersten Kriegsjahre vergingen in Oberiflingen – wie in vielen anderen Gemeinden unserer engeren Heimat – ohne schlimmen Einfluss auf das Leben der Bevölkerung. Außer einem in Polen gefallenen Oberiflinger gab es keine weiteren Kriegstoten. Schlimm waren allerdings die Sorgen der Frauen mit Kindern und Landwirtinnen, die ohne die eingezogenen Männer auskommen mussten.

Lediglich in der Zeit bis Ende des Westfeldzuges war die Nähe der französischen Grenze und die Angst vor Artillerie-Beschuss, vor Fliegerangriffen und einem evtl. Vorstoß der französischen Armee über den Rhein weg bedrückend.

Außer einigen nächtlichen Störflügen der Westalliierten, verliefen die Tage und Nächte bei allen sonstigen kriegsbedingten Umständen doch noch sehr ruhig. Die Bewirtschaftung der Lebensmittel und sonstigen Bedarfsartikeln war noch so, dass die Grundbedürfnisse der Bewohner einigermaßen gedeckt waren.

Ab 1941 änderte sich manches. Der Russlandfeldzug, den vor allem Teilnehmer des ersten Weltkriegs sehr skeptisch ansahen, brachte viele Sorgen für die Heimat. Von größeren Verlusten in diesem Jahr wurde Oberiflingen verschont; es starben 1941 zwei Soldaten im Lazarett.

Auch 1942 mussten zwei Oberiflinger sterben, und es kamen erste „Vermisst-Meldungen“. Ganz schlimm wurde der Blutzoll im Jahr 1943: 11 Soldaten aus dem Ort starben in Russland, und einige weitere wurden dort vermisst.

Daneben kamen ab 1942, verstärkt 1943, Überflüge durch ganz große Bomberverbände. Waren es zuerst die Briten, die nachts nach Stuttgart oder München oder Ulm flogen, begannen die „Fliegenden Festungen“ ab 1943 in größerer Zahl am hellen Tag in geschlossener Formation zu ihren Zielen zu fliegen, und dort ihre tödliche Last abzuladen. Der Himmel war manchmal am Tage voll von Kondensstreifen, und es dröhnte stark, dass alles zitterte.

Zuerst flogen die Bomber am Tage ohne Jagd-Begleitschutz, später waren Langstrecken-Jäger dabei, und schützten die ohnehin schwer bewaffneten „Fliegenden Festungen“ zusätzlich. Bei Nacht sah man bei Angriffen auf Stuttgart oder Ulm die Glut der Brände. Durch Bekannte und Verwandte bekam man Nachrichten, wie furchtbar die Städte mitgenommen wurden. Die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechterte sich laufend, obwohl der Staat alles versuchte, die Leute bei der „Stange“ zu halten.

Nach dem Untergang der 6. Armee bei Stalingrad und zu Anfang des Jahres 1943, den Rückzügen im Osten, und vor allem nach dem Zusammenbruch der Front im Mittelabschnitt im Osten, zeitgleich etwa mit der Landung der Westalliierten in der Normandie, wurde die Stimmung in der Heimat immer schlechter. Laut sagen konnte ja niemand etwas, aber unter guten Bekannten wurde schon einmal die harte Wahrheit „Deutschland verliert den Krieg“ geäußert!

Ab Herbst 1944 kamen die ersten feindl. Jagdflugzeuge in unseren Raum. Sie starteten von Flugplätzen knapp westlich der Vogesen, wo sich die Front im Herbst 1944 stabilisiert hatte. Splitterlöcher (Fliegerdeckungslöcher) mussten entlang den Straßen gebaut werden.

Alles rollende Material (Bahn und Auto), und auch die Brücke im Lauterbad und die Brücken entlang der Bahnlinie Freudenstadt – Eutingen, waren oftmals Ziele der Jagdbomber. Auch die Bahnhöfe suchten die Flugzeuge mit Bomben und Bordwaffen heim.

Im Frühjahr 1945 wurde die Bedrohung durch die Tiefflieger ganz schlimm. Die Landwirte auf den Feldern waren vor Beschuss nicht mehr sicher. Von deutscher Abwehr sah man nicht viel! Die wenigen deutschen Jäger wurden von der Übermacht der Gegner unbarmherzig gejagt.

Etwa im März musste eine Me 109, die noch knapp über die Gipfel des Waldes am Sommerberg und auf der anderen Talseite ankam, auf „Eck“ eine Bruchlandung machen. Der Pilot kam mit leichten Kopfverletzungen davon.

In dieser Zeit wurde auch ein Transportzug der Wehrmacht mit Sanitätsmaterial zwischen Schopfloch und Bittelbronn schwer beschossen. Manche Einwohner suchten dort nach verwertbaren Sachen.

Die Nachricht über das Vordringen der französischen Truppen waren sehr spärlich, und die bis etwa Mitte April erscheinende „Schwarzwald-Rundschau“ brachte wohl den täglichen Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht, alle möglichen Durchhalte-Appelle, Befehle, Verordnungen über Kürzungen der Lebensmittel und Verbote, aber über die Kriegsereignisse in der Nähe wurde fast nichts berichtet.

In Oberiflingen wurden im Frühjahr 1945 in einigen Gebäuden Lager der Wehrmacht eingerichtet, und einige Soldaten der Aufsicht waren einquartiert.

Anfangs April 1945 lud der Landrat Dr. Lauffer seine Bürgermeister zu drei Regionalbesprechungen, die wegen Fliegergefahr in Baiersbronn, Pfalzgrafenweiler und Wittendorf waren. Dort wurde den Ortsvorstehern ein Erlass eröffnet, wonach sie ihren Dienstort nach Einmarsch des Feindes zu verlassen hätten! (Wie mein Vater mir aber erzählte blieben alle an ihrem Wohnort!)

Mitte April 1945 wurden auch die Volksschulen geschlossen, die erst im Herbst den Unterricht wieder aufnahmen.

In der Bevölkerung hörte man, dass der Feind bald käme! Erste Gerüchte über das schlimme Verhalten der französischen Kolonialtruppen mit Vergewaltigungen, Raub und Plünderung, machten die Runde.

Die Einwohner begannen mit dem Verstecken und Vergraben von Nahrungsmitteln, auch Wertsachen wurden, so gut es ging, auf die Seite gebracht.

Am Dienstag, 17. April 1945, rückte dann etwa ein Zug einer von SS-Leuten bewachten „Strafkompanie“ in den Ort. Ins „Bühner’s Haus“ (1948 abgebrannt, heute steht Haus Lust, Sulzer Straße 47, da) wurden sie untergebracht. Im Hof zwischen Haus Sickeler und Haus Jäkle stand ihre Feldküche. Die Soldaten steckten zu den Ziegeln auf Bühner’s Bühne ihre Gewehre und Panzerfäuste (wahrscheinlich ohne Munition und ohne Zündkapseln) heraus.

Ein franz. Artillerieflieger kreiste ab und zu über dem Dorf. Zwei deutsche Geschütze (10,5 oder 15 cm Kal.) standen erst auf Steinshalde. Pfarrer Birk als ehem. Major überredete die Artilleristen, Stellungswechsel zu machen. Und tatsächlich zogen die Geschütze ab, und nahmen am Dürrenmettstetter Heidenwäldle neu Aufstellung. Auch im Gewand Trückle soll 8,8 cm-Flack gestanden sein.

Die Strafeinheit, die von ihrer Aufsicht sehr streng gehalten wurde, verließ bald das Dorf in Richtung Süden. An diesem Tag beschossen die Franzosen auch Freudenstadt schwer. An der B 294 zwischen Besenfeld und der Stadt hatte eine Einheit des „Freikorps Zöberlein“ Widerstand geleistet. Die gleiche Gruppe richtete ein, zwei Tage später auch im Wälde durch ihren Beschuss der einrückenden Franzosen Schlimmes an.

Viele Ortseinwohner standen am Dienstag, 17.04., an Stellen, wo man das grausige Geschehen in Freudenstadt mit Feuer und Rauch verfolgen konnte. Dabei standen auch 2 SS-Männer, die vermutlich zu einem „Sperrverband“, auch „Greifkommando“ genannt, gehörten.

Als ein Oberiflinger Bürger (Weltkriegs-Teilnehmer) die Sinnlosigkeit des deutschen Widerstands zu den Umstehenden äußerte, schlug ihn einer dieser SS-Fanatiker mit der Maschinenpistole nieder, und es wäre wohl Arges passiert, wenn der andere Angehörige der SS nicht dazwischen gegangen wäre.

Plötzlich schoss die deutsche Artillerie über das Dorf weg nach Schopfloch. Die Zahl der Salven konnte niemand mehr genau sagen.

Nicht lange danach krachte es in Oberiflingen. Die erste Salve der franz. Panzergeschütze schlug östl. des Ortes im „Oberen Täle“, die zweite Slave knapp westlich des Orts, und die dritte auf den Platz vor der „Linde“.

Dort wurden

          Friedrich Müller aus Oberiflingen

          Roland Martin (franz. Gefangener bei Christine Pfau)

um 15:30 Uhr tödlich getroffen. Um 16:00 Uhr starb der ukrainische Fremdarbeiter (schwer verwundet)

          Gregor Melnik (bei Fritz Buckenberger tätig).

Durch den Beschuss ging, vermutlich durch eine Phosphorgranate, das Haus Karl Schmid (Albstraße 53) in Flammen auf.

Die Löscharbeiten waren durch den Beschuss sehr gefährlich. Die im Gasthof „Linde“ sich aufhaltenden SS-Männer gebärdeten sich wie wild. Sie wollten den Oberiflinger Gefangenen im Lager „Bühner’s Haus“ Schlimmes antun. Der Wachsoldat, der dies mit anhörte, ging raus ins Lager und schloss die Türe auf. Die Franzosen flüchteten, und kamen erst am Einmarschtag wieder ins Dorf.

Am Mittwoch, den 18. April 1945, rückten die letzten deutschen Soldaten – etwa 10 Mann – durch die Obstgärten hinter dem Dorf am Haus Kanus (Sulzer Straße 3) vorbei, in Richtung Malmen.

Gegen 10:00 – 10:30 Uhr kam eine Vorausabteilung der Franzosen mit 3 Panzern und einem Jeep von Schopfloch her in den Ort. Auf dem Jeep hatten sie einen Soldaten der Gruppe dabei, die kurz vorher als Verteidiger am Hause Knaus vorbeizogen, und der gefangen genommen wurde. Die einmarschierten Truppen fuhren durch den Ort und stießen über die Sulzer Straße bis zur „Sonne“ durch.

Dorthin musste auch gleich der Bürgermeister kommen. Ihm wurde gedroht: „Wenn auch nur ein Schuss fällt, werden Sie erschossen… und…und….

Er musste auch gleich den Amtsboten (Johannes Eberhardt) zum Ausschellen der ersten Befehle der Besatzer veranlassen: „Auf Waffenbesitz steht Todesstrafe“. Alle Waffen, Fotoapparate, Radios, Wehrmachtsachen, sind abzuliefern. Sperrstunde ist von 18:00 Uhr bis 08:00 Uhr (o. ähnl.)!

Nachdem weitere Truppen nachgezogen waren, begannen die Durchsuchungen der Häuser. Erste Diebstähle (Uhren, Ringe, Wertsachen) fanden statt. Die Frauen mussten aber in Oberiflingen nicht so schlimme Dinge mitmachen, wie in anderen Orten.

Guten Einfluss auf die Truppe übten auch die Oberiflinger Gefangenen aus. Die meisten haben sich positiv für den Ort eingesetzt. Allerdings sind ein paar wenige Dinge passiert, die vermutlich auf Tipps der Gefangenen an die Truppe stattfanden. Die Beraubung der Spar- und Darl.-Kasse, und eine Bedrohung eines Oberiflinger Bürgers gehörten wohl dazu.

Vom südlichen Ortsende stießen die Franzosen am gleichen Tag weiter in Richtung Dürrenmettstetten. Dort leistete aber eine SS- Einheit kräftigen Widerstand. Auch die Artillerie, die am Heidenwäldle stand und zwischenzeitlich Stellungswechsel nach Brachfeld gemacht hatte, schoss nach Dürrenmettstetten. Daraufhin zogen sich die Franzosen wieder zurück, vermutlich die meisten bis Schopfloch. In Oberiflingen war, nach Angeben von Einwohnern, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag nur eine kleine französische Besatzung.

Am Donnerstag, 19.04., zog dann ein nicht enden wollender Zug durchs Dorf in Richtung Dürrenmettstetten: Panzer, Panzerartillerie, Lastwagen und Jeeps. An diesem Tag wurde dann Dürrenmettstetten durch die aus Richtung Oberiflingen, Kaltenhof und Haidenhof vorstoßenden starken französischen Kräfte eingenommen. (Einige Oberiflinger meinten bei der Befragung jetzt, es seinen vielleicht 100 – 150 gepanzerte Fahrzeuge gewesen). Die geschotterte Ortsstraße, und hier vor allem die Rechtskurve beim „Ochsen“, sah dementsprechend aus. Am Donnerstag zog auch eine größere Maultiereinheit (Marokkaner) durch den Ort.

Einige Tage später mussten dann im Wechsel mit anderen Orten jeden Tag ca. 10 - 15 Männer nach Schopfloch zum „Bedienen“ der dortigen Besatzung in den beschlagnahmten Gebäuden an der Horber und Dornstetter Straße.

In der Nacht vom 08/09. Mai  veranstaltete die Schopflocher Besatzung eine Mords-Knallerei mit aller möglicher Munition zur „Siegesfeier“.

Damit war ein beinahe 6-jähriger Krieg mit der totalen Niederlage des „III. Reiches“ und des deutschen Volkes zu Ende gegangen. Ein schlimmer Blutzoll musste entrichtet werden, und auch von den vielen Vermissten hörten die Angehörigen nichts mehr, obwohl noch jahrelang auf ein Lebenszeichen gewartet wurde.

Der kleine Ort Oberiflingen verlor fast 10 % seiner Bevölkerung! Kamen doch 39 Oberiflinger nicht mehr heim, von einer Bevölkerung von 405 Personen zu Kriegsbeginn. Nicht zu Ende waren nach dem Waffenstillstand die Sorgen in den Orten: Viele ohne Nachricht von den Vätern, Gatten, Söhnen, Geschw.! Bangen und Hoffnung um die vielen Vermissten! Viele ohne Dach über dem Kopf! Die Sorge um das tägliche Brot!

Die engere Heimat hatte wenigstens, bis auf Ausnahmen, einigermaßen zu essen und, bis vor allem auf Freudenstadt, ein Dach über dem Kopf.

Nach der Besetzung und der Kapitulation versorgten sich die franz. Truppen – und ein zunehmend großer familiärer Anhang – aus der Zone. Das brachte eine weitere Kürzung der Lebensmittel-Rationen, und noch stärkere Ablieferungsverpflichtungen für die Landwirte. Dies brachte manche Missstimmung in den Dörfern. Im Sommer mussten auch immer 2 Familien für die Besatzungsmacht oder für Fremdarbeiter 1 kompletten Anzug, 1 Paar Schuhe, 1 kompl. Bettbezug, 1 Teppich abliefern.

Im Jahr 1945 kamen auch die ersten deutschen Soldaten aus der Gefangenschaft. Manche aufgeschwemmt und voll Wasser, andere abgemagert bis auf die Knochen. Doch alle dankbar, dass sie überlebt hatten, und die Heimat wiedersehen durften!

Dieser Bericht konnte nur dank freundlicher Unterstützung und Mithilfe vieler Bürger erstellt werden. Ihnen ein herzliches „Danke“.

(Ich selber war von Jan. 1945-25.04.45 nicht am Ort! Deshalb war ich auf die Berichte und Hilfe vieler Oberiflinger angewiesen.

Karl Joos 

Unteriflingen (April 1995)

Erinnerungen an die letzten Wochen und Tage vor Kriegsende und danach in Unteriflingen

Im März 1945, als so manche deutsche Stadt noch in Schutt und Asche gelegt wurde, war es keine Seltenheit, dass feindliche Bomberverbände am helllichten Tag in großer Höhe in geschlossener Formation über unseren Ort hinwegdröhnten, um ihre Verderben bringende Last am Angriffsziel abzuladen.

In der ersten Märzhälfte 1945, nachmittags, flogen wieder Bomberverbände, dabei muss ein Bomber einen technischen Defekt gehabt haben, und entledigte sich seiner Bombenlast durch Notruf vom Gewann Bailer, Birkenrain bis in den Ziegelackerwald. Insgesamt waren 20 Bombentrichter zu zählen und noch ca. 3 Blindgänger, alles in einer geraden Richtung. Paul Eberhard als junger Mann sah damals die Bomben fallen, und konnten auch die Detonationen mitzählen. Anfang April 1945 waren in Unteriflingen für einige Tage junge deutsche Soldaten einquartiert. Wir selber hatten in unserer Scheune eine ganze Anzahl auf Strohlager im Quartier. Nach ca. 1 Woche mussten die bei Nacht wieder weitermarschieren in Richtung Haigerloch. Eugen Fischer musste mit seinem Pferdefuhrwerk Ausrüstungsgegenstände dieser Soldaten bis zum nächsten Ziel transportieren. Dies war in einer Samstagnacht. Als gegen Sonntagmorgen der Mann mit seinem Pferdefuhrwerk wieder heim kam, spannte er die Pferde aus und ließ den Wagen auf dem gegenüberliegenden Straßenrand stehen. Ein paar Stunden später brausten plötzlich zwei feindliche Tiefflieger heran, und beschossen den auf der Straße stehenden Wagen, auch am Gebäude waren Geschosseinschläge sichtbar.

Einige Tage später war Andreas Ruoss mit seinem  Pferdefuhrwerk auf seinem Grundstück im Alteren, auf dem sich am Waldrand eine kleine Hütte befand, als plötzlich Tiefflieger auftauchten, und mit ihren Bordwaffen das Feuer eröffneten. Zum Glück kam niemand ums Leben. Die Hütte hatte mehrere Geschosseinschläge, und ein Pferd hatte einen leichten Streifschuss an einem Vorderfuß.

Die Gefahr der Angriffe durch feindliche Jagdflugzeuge und Jagdbomber auf Eisenbahnzüge, Autos und Gespannfuhrwerke wurde immer größer und häufiger.

Eine Woche vor dem Einmarsch der Franzosen erhielten die damals 15- bis 16- jährigen Jungen alle einen Einberufungsbefehl in ein Wehrertüchtigungslager. Bepackt mit Teppich, Brotbeutel, Proviant und was alles vorgeschrieben war, gingen wir zu Fuß nach Schopfloch, um von dort wieder weiter zu kommen zum Sammelplatz. Zwei Väter begleiteten uns mit ihren Fahrädern, auf denen sie unser Gepäck geladen hatten. In Schopfloch angekommen, trafen wir unsere Alterskameraden aus Oberiflingen. Jeder zweifelte an dem Sinn unserer Einberufung zu jenem Zeitpunkt.

Die beiden Väter, die uns begleitet, führten noch ein Gespräch mit dem damaligen Ortsgruppenleiter. Als sie zu uns zurück kamen, schickten sie uns nach Hause, wohlwissend, dass diese Entscheidung hätte schlimm ausgehen können. Auf dem Heimweg gingen wir über Feldwege, um nicht aufzufallen. Die Straße war uns zu gefährlich.

Am selben Abend war auch ein Gefangenentransport zu Fuß in Unteriflingen eingetroffen. Es waren Russen asiatischer Herkunft. Einige Bauern mussten je einen Kessel Kartoffeln dämpfen für die Gefangenen, die richtig ausgehungert waren. Als die gedämpften Kartoffeln den Gefangenen hingestellt wurden, stürzten sie sich darauf wie eine wilde Meute, jeder wollte zuerst etwas zum Essen. Die Wachposten mussten Warnschüsse abgeben, um die Menge noch unter Kontrolle zu halten. Am anderen Morgen zogen sie weiter in Richtung Dornhan.

Trotz den Wirren des Krieges und der näherrückenden Front, stand in einer Wirtschaft in Unteriflingen immer noch der fragwürdige Satz an der Wand geschrieben: „Ein Schuft ist, wer nicht an den Sieg glaubt“.

Um eventuellen Versorgungswidrigkeiten nach dem Einmarsch der Franzosen vorzubeugen, brachten wir noch Weizen in die Mühle nach Neuneck zum Mahlen. Drei Tage vor dem Einmarsch haben wir abends spät bei Nacht mit dem Fuhrwerk unser Mehl geholt. Zu diesem Zeitpunkt zog in Neuneck auf der Glattalstraße ein Ochsengespann talabwärts, beladen mit einem leichten Flakgeschütz und ein paar blutjungen Soldaten.

Als wir mit unserem Mehl schon fast wieder daheim waren, überholte uns im Mühlweg kurz vor Unteriflingen ein starker Sattelschlepper, der ein schweres Artilleriegeschütz angehängt hatte, das sie dann im Dürrenmettstetter Heidenwäldle in Stellung brachten.

Am Tag darauf holten mein Vater und ich einen Gespannpflug von unserem Acker auf Herrengarten, weil wir Angst hatten, dass er eventuell bei Kampfhandlungen von Panzern überrollt werden könnte. Als wir mit unserem Pflug heimwärts gingen, sahen wir am Waldrand vom Taischwang oberhalb der Scheuer von A. Pfau einen deutschen Funkwagen stehen.

Von diesem höchsten Waldpunkt aus beobachteten die Soldaten das bereits brennende Freudenstadt. Vermutlich war die Artillerie im Mettstetter Heidenwäldle.

Einen Tag vor dem Einmarsch, über die Mittagszeit, wurde Unteriflingen von der Artillerie beschossen. Außer Ziegelschäden an einzelnen Gebäuden ging alles gut vorüber. Personen kamen nicht zu Schaden. Die Granaten schlugen in den Hausgärten ein, ohne ein Gebäude zu treffen, auch waren einige Blindgänger dabei.

Aus Angst und Unsicherheit über die immer näher anrückenden französischen Truppen, haben viele Einwohner Lebensmittel wie Brot, Rauchfleisch, Schmalz, Butter, Honig und teils auch Weizen, in Fässern, Blechtruhen und dergleichen, in ihren Hausgärten und naheliegenden Grundstücken eingegraben. Niemand wusste ja, ob nicht noch durch Kampfhandlungen die Häuser zerstört oder beschädigt werden.

In einem Fall, wo Benzin und Schnaps versteckt war, kam es vor, dass der polnische Fremdarbeiter dieses Hauses mit seinen Kollegen das Lager entsorgt hatte, bis der Eigentümer nach dem Einmarsch der Franzosen es wieder holen wollte. Es gab auch gute Fremdarbeiter bzw. Gefangene, die ihre Bauern in Schutz nahmen und dafür sorgten, dass ihnen beim Einmarsch kein Unrecht geschah.

Im Wald an der Sommerhalde, auch Totenwäldle genannt, war eine Panzersperre errichtet. Zwei beherzte Männer, Hermann Schmid und Andreas Keck, haben in der Nacht vor dem Einmarsch die Panzersperre beseitigt. Diese hätte ohnehin nicht mehr viel genutzt, weil die anrückenden Panzer nicht auf diese Straße angewiesen waren, und leicht eine Umgehung möglich war. Man kann fast annehmen, dass durch dieses Handeln auch keinerlei Zerstörung im Ort erfolgte.

18. April 1945 – Den Einmarsch der französischen Truppen habe ich selber noch so in Erinnerung: An diesem Tag hielten wir uns überwiegend im Keller auf, weil man nicht sicher war, ob sich der Artilleriebeschuss vom Vortag möglicherweise wiederholt, oder ob es zu Kampfhandlungen oder zu einem Beschuss durch die anrückenden Truppen kommt.

Zu dieser Zeit hatten wir auch ein kleines Fohlen, das etwa 14 Tage alt war. Jeden Tag gegen die Mittagszeit, wenn es schön warm war, durfte das Fohlen den Stall verlassen, und im Hofraum herumspringen. Zu diesem Zweck war der Hofraum gegen die Straße hin mit 2 Stangen abgeschrankt. An dieser Stelle stand mein Vater gerade an der Abschrankung und sah nach dem Fohlen, wie es herumtollte. Da kam plötzlich ein französischer Spähwagen die Straße entlang, und hielt bei ihm an. Ein Soldat zeigte sich auf dem Spähwagen und fragte in nur leicht gebrochenem Deutsch meinen Vater, ob hier im Ort noch deutsche Soldaten seien, und ob er auch keine gesehen habe. Als mein Vater dies bangend verneinte, fuhr der Panzerspähwagen weiter durch den Ort. Schnell trieb mein Vater das Fohlen in den Stall, und informierte uns über die erste Begegnung mit den anrückenden Truppen.

Vereinzelt konnte man an diesem Tag immer wieder ein paar versprengte deutsche Soldaten, jede Deckung ausnützend, auf dem Rückzug durch die Baumgärten und Wälder sehen, jedoch ohne Kampfhandlung, was sicher auch dazu beigetragen hat, dass unsere Ortschaft vor Zerstörung bewahrt blieb. Die anrollenden Panzer und Nachschubfahrzeuge folgten nun pausenlos vom Glattal her in Richtung Oberiflingen. Es war ein unaufhörliches Motorengeheul, und dichte Staubschwaden von den damals noch nicht asphaltierten Kalksteinstraßen zogen über den Ort talabwärts. Die Ziegeldächer der Häuser wurden richtig grau durch den Staubbelag, denn es war warmes Wetter.

Am Abend machte eine Panzerkolonne und einige Lastwagen in Unteriflingen halt, und stellten ihre Panzer über Nacht teilweise in die Hofräume der Bauern. Am anderen Morgen zog die französische Einheit weiter, zurück blieb nur noch ein Lastwagen, der von einem Panzer angefahren war, und zuerst repariert werden musste.

Kaum waren die Panzer und die Versorgungsfahrzeuge aus den Höfen abgezogen, da tauchten in einem Hofraum noch zwei deutsche Soldaten auf. Sie sprachen mit den Leuten des dortigen Hauses und sagten, dass sie sich in einem Schuppen am Tälesweg versteckt hatten, bis die Panzer an jenem Morgen weitergezogen waren. Daraufhin verschwanden die beiden Soldaten in die Ungewissheit jeder Tage.

Auf die wenigen vorhandenen deutschen Motorräder waren die Franzosen sehr scharf. So wollten sie auch beim Ochsenwirt seine BMW mitnehmen, doch sie brachten sie nicht zum Laufen. Die fuhren bergab bis in die jetzige Brunnenstraße, aber vergebens, der Motor lief nicht an. Kurzerhand ließen sie das Motorrad stehen. Der Eigentümer konnte es später wieder holen.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie am Ortseingang an den Häusern der Tagesbefehl der französischen Armee angeschlagen war, wo unter anderem auch Plündern und Vergewaltigung verboten waren. Daneben waren andere Anschläge für die deutsche Bevölkerung angebracht, wo eine Ausgangssperre von 18:00 – 08:00 Uhr verfügt wurde. Ein Anschlag anderer Art enthielt die Veröffentlichung, dass alle vorhandenen Waffen und Militärgegenstände abzuliefern sind, und dass auf Waffenbesitz die Todesstrafe steht.

Nun begann auch die Zwangsablieferung von Schweinen und Rindern an die Besatzungsmacht. Nicht selten kam es vor, dass ein Jeep vorfuhr mit französischen Soldaten, die dann in den Hausgärten mit ihren Maschinenpistolen Jagd auf Hühner machten.

Wenige Tage nach dem Einmarsch mussten im Wechsel täglich ca. 10  Männer, meist wir damals 15- bis 16-jährigen und einige Ältere, die nicht zum Wehrdienst eingezogen waren, nach Schopfloch, um bei den Franzosen zu arbeiten. Überwiegend wurden wir im ehemaligen Kurhaus Schübel und in der Dornstetter Straße beschäftigt. Die Arbeit umfasste Holzspalten, Holztragen für die Küche, Kartoffelschälen und manches andere. Wenn man Glück hatte, bekam man auch mal von einem gutherzigen Offizier Schokolade oder Zigaretten.

Später, im Laufe des Sommers, mussten die Arbeiten bei den Franzosen fortgesetzt werden. Munition aller Kaliber mussten auf LKW geladen werden und wurden von verschiedenen Orten nach Schopfloch gebracht, auf ein Sammellager. Die entschärften Granaten mussten dann auf eine Wiese in Richtung Hörschweiler zum Ausbrennen aneinander gereiht werden, einige Reihen nebeneinander.

Auch entschärfte Fliegerbomben wurden ausgebrannt. Diese Arbeiten waren nicht immer ungefährlich, zumal dort unten beim Entschärfen sich ein tödlicher Unfall ereignete.

Noch zu erwähnen ist, dass der schöne Holzbestand im Unteriflinger Hölzleswald auch ein Opfer für die Besatzungsmacht wurde, und als sogenannter F-Hieb für die Franzosen abgeholzt wurde.

Nach dem vielen persönlichen Leid der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit und dem Schicksal der vielen Gefangenen, die teils krank und angeschlagen früher, oder erst nach Jahren heimkehren durften, waren doch alle dankbar, dass der grausame Krieg ein Ende hatte.

Erwin Beilharz

Erinnerungen eines 60-jährigen, wie er das Kriegsende als 10-jähriger erlebt hat.

Bis Ende 1944 kannte ich Schopfloch eigentlich nur von meinen Aufenthalten während der Schulferien. Ansonsten lebte ich mit meinen Eltern in Berlin und Posen. Vom Kriegsgeschehen habe ich nicht viel mitbekommen, denn in Posen war es relativ ruhig. Mir sind nur zwei Dinge in Erinnerung: das eine, dass mein Bruder kurz vor Kriegsende nach seiner Zeit als Flakhelfer zum Militärdienst einberufen wurde, und das andere, dass wir einige Male wegen Luftalarm für kurze Zeit in den Luftschutzkeller mussten.

Dass meine Mutter zu Näharbeiten einberufen wurde, habe ich vermutlich nicht dem Krieg zugeschrieben, wohl aber ihre Abkommandierung zum Ausheben von Schützengräben. Als dann im Januar 1945 in weiter Entfernung Geschützdonner zu hören war, wurde mir erklärt, dass jetzt das Kriegsende nahen würde, denn die Russen kämen Posen immer näher. Nun überschlugen sich die Ereignisse. Am 20. Januar 1945 kam mein Vater nach Hause und veranlasste uns, ein paar Sachen zu packen, weil wir in einer Stunde mit einem der letzten Züge Posen verlassen sollten. Alles, was ich in meinem Kinderköfferchen mitnahm, waren zwei Märklin-Lokomotiven zum Aufziehen (mein liebstes Spielzeug) und ein paar Geleise. Was meine Mutter in einen Koffer und eine Reisetasche packte, ist mir nicht mehr in Erinnerung geblieben.

Als Bahnbeamter hatte mein Vater für uns ein Zugabteil reservieren lassen. Aber als wir am Zug ankamen und der Schaffner das Abteil öffnete, quollen so viele Menschen hinein, dass wir froh waren, auf dem Gang noch ein paar Quadratzentimeter Stehplatz zu ergattern.

Nach einer nicht enden wollenden qualvollen Fahrt erreichten wir dann Berlin, wo wir eine alte Bekannte aufsuchten, bei der wir uns für die Weiterfahrt nach Schopfloch erholen konnten. In Schopfloch angekommen, war es zunächst noch paradiesisch ruhig. Aber bald überflogen Nacht für Nacht feindliche Bombergeschwader unsere Gegend, und kurze Zeit später hörten wir dann im Radio, dass diese oder jene Stadt bombardiert worden war.

Ein schauriges Erlebnis war auch die Bombardierung von Pforzheim, wo man sogenannte „Christbäume“ und den Widerschein der Brände am Himmel sehen konnte. Ich gewöhnte mich an derartige Schauspiele und hatte davor eigentlich keine Angst. Erst in dem Augenblick, als in Schopfloch einige verirrte Bomben fielen, die vermutlich der Bahnlinie galten, bekam ich es mit der Angst zu tun. Aber auch das legte sich bald wieder, denn schließlich ging das Leben mit dem Besuch der Schopflocher Schule und dem Üben am Klavier weiter. Meine Mutter und ich wohnten damals bei meinen Tanten im „Kurhaus Schübel“. Einige Tage nach uns traf Frau Erlemann mit ihren Kindern Inge und Gert hier ein. Mein Vater hatte sie in den allerletzten Zug gesetzt, der Posen verlassen konnte, und mit dem er selbst – mit dem Inventar seines Büros und zwei Reisekisten voll Wäsche, und all unserer Fotografien – die Stadt verließ. Erlemanns wohnten zunächst ebenfalls im „Kurhaus“.

Eines schönen Tages – es muss wohl so im April gewesen sein – sahen wir, wie Freudenstadt beschossen wurde und verschiedene Brände aufflackerten. Einige Tage später fuhr ein Jeep beim Kurhaus vor. Es war ein Franzose, der in fließendem Deutsch erklärte, wir brauchten keine Angst zu haben, wenn nachher die Truppen kämen. Sämtliche Waffen und Radios seien aber sofort auf dem Rathaus abzugeben, denn wer später mit solchen Dingen angetroffen würde, hätte mit Erschießung zu rechnen.

Kurze Zeit später fuhren dann auf den Wiesen vor dem Kurhaus eine ganze Reihe von Panzern auf, was für uns Kinder ein Riesen-Erlebnis war. Der Spaß hörte aber auf, als wir dann alle während der Sperrstunden in das relativ kleine „Café“ (das Kurhaus-Büro) geschickt wurden, und dort auch eine oder mehrere Nächte verbringen mussten.

Ich meine mich daran zu erinnern, dass wir nicht einmal auf ein Klo gehen durften, sondern einen in einer Ecke stehenden Kübel benutzen mussten. Wir wurden auch mal für ein paar Stunden in den Weinkeller gesperrt, und von bewaffneten Soldaten bewacht. Ich vermute, dass die Soldaten im Hause nach Wertsachen suchten und verhindern wollten, dass wir etwas verstecken könnten.

Wie mir später eine meiner Tanten erzählte, hatte sie aber, kurz bevor die Franzosen uns in den Keller sperrten, schon Ringe und andere wertvolle Stücke im großen Küchenherd versteckt. Diese Dinge fand glücklicherweise keiner der Soldaten.

Tagsüber konnten wir uns frei bewegen und das ganze Treiben der „Besatzer“  beobachten.

Die Soldaten kochten selbst. Ihr Speisezettel wurde durch hier vorgefundene Tiere bereichert. Zunächst wussten wir Kinder nicht, was die dunkelhäutigen Soldaten da mit den beschlagnahmten Hühnern veranstalteten. Wir glaubten, dass sie sich nur amüsierten, als sie den Hühner die Hälse streckten bzw. umdrehten und sie dann fliegen ließen, bis sie tot am Boden lagen. Als das schaurige Schauspiel zu Ende war, wurden die Hühner eingesammelt und in die Küche gebracht. Wir wussten ja damals nichts über die Religionszugehörigkeit jener andersfarbigen Menschen und deren Essgewohnheiten.

Wenig später fanden wir im Garten in einem selbst gegrabenen „Unterstand“ zwei Rehköpfe mit Geweihen. Die Franzosen bereiteten aus den erlegten Rehen ihre Festessen, und wir Kinder „klauten“ die Rehköpfe. Der Schopflocher Hausmetzger Ernst Schultheiss präparierte uns die Geweihe so, dass sie durch meinen Onkel auf einem Holzsockel befestigt werden konnten. Auf diese Weise kam ich zu einer Jagdtrophäe, die heute noch in meinem Besitz ist.

Für die Franzosen sammelten wir eimerweise Weinbergschnecken, die in großen Kochtöpfen mit kochendem Wasser übergossen wurden. Die dabei entstehenden Geräusche veranlassten uns alle, fluchtartig die Küche zu verlassen. Später sahen wir zu, wie die Schnecken zum Essen vorbereitet wurden, und ich glaube, dass keiner, der das miterlebet hat, je in seinem Leben einmal Weinbergschnecken als Delikatesse - so wie damals die Franzosen – gegessen hat.

In jenen Tagen sahen wir zum ersten Mal in unserem Leben auch total schwarze Menschen und erlebten so, dass Menschen mit anderer Hautfarbe nicht nur im Märchen vorkommen. Es fiel uns auch sehr schnell auf, dass sich die hellhäutigen und die andersfarbigen Soldaten sehr deutlich voneinander distanzierten und die „Schwarzen“ nicht gleichbehandelt, sondern von den „Weißen“ nur herumkommandiert wurden.

Die Erwachsenden sprachen von Plünderungen und Vergewaltigungen durch die „Schwarzen“. Unter dem Begriff Vergewaltigung konnten wir uns nichts vorstellen. Erst sehr viel später begriffen wir, als andersfarbige Kinder geboren wurden, was damit gemeint war. Der Begriff Plünderung wurde uns klar, als wir „Schwarze“ mit mehreren Armbanduhren an beiden Armen sahen, und die sich so mit kindischer Freude ihren Kameraden zeigten.

Ich erinnere mich auch noch an die entsetzten Gesichter der Erwachsenen, als mein Onkel aufgeregt davon berichtete, dass die Franzosen in den Heizraum der Schreinerei eingedrungen, und unter anderem auch unsere Reisekoffer teilweise ausgeplündert hätten. Der Anblick war zum Heulen, unsere Bilder und der übriggebliebene Rest unserer Reisekoffer lag in einem unbeschreiblichen dreckigen Durcheinander. Und man konnte nichts machen!

Trotz diesen Erlebnissen hatten wir Kinder den Eindruck, dass sich das Leben – insbesondere nach dem Abzug der Panzer – schnell wieder normalisierte. Wir konnten uns wieder frei bewegen und von den Soldaten erhielten wir viele ihrer Lunchpakete, denn für die gab es ja jetzt regelmäßig gutes und warmes Essen aus der Hotelküche.

Die Freude der Soldaten über die normale Verpflegung war für uns Kinder die Freude über die uns von ihnen geschenkten Lunchpakete, die so viele unbekannte „Köstlichkeiten“ enthielten: Brausepulver, Kaugummi, Schokolade, Cornedbeef und vieles andere mehr. Und von der abgekratzten braunen Wachsbeschichtung der Pakete gossen wir in Glasröhrchen Kerzen für die abendliche Beleuchtung.

Eines Tages stand mein Freund Gert auf einer Leiter an der südöstlichen Ecke des Kurhauses, mein Onkel hielt die Leiter, und ich stand unten im Garten. Da knallte es, Gert hüpfte von der Leiter, schrie und rannte ins Haus, wir ihm nach, und da stellte es sich heraus, dass Gert einen glatten Unterschenkel-Durchschuss erlitten hatte. Es konnte nie herausgefunden werden, wer den Schuss abgegeben hatte.

Ich unterhielt mich mit Gert an seinem Krankenbett mit Spielen. Er hatte immer ein Brett auf den Beinen, das uns als Spieltisch diente. Wir hatten auch ein Tischkegelspiel, und um genau zielen zu können, ging ich mit dem Gesicht ganz nah an das Brett heran. Gert wollte verhindern, dass ich traf und bewegte sein Bein. Das bekam mir nicht gut, denn die Brettkante traf voll meine Nase, und die ist seither etwas breiter als zuvor.

Als dann mein Vater nach einer 600 km langen Radfahrt quer durch Deutschland hier eintraf – er schaffte es, mit einer handschriftlichen Notiz des Naumburger Bahnhofkommandanten und einem amerikanischen Stempel, durch alle Kontrollen zu kommen – begannen wir bald einen blühenden Tauschhandel mit Getreide, Tierhäuten und Leder, sogar über die Grenzen der amerikanischen und französischen Besatzungszonen hinweg. Es machte mir riesigen Spaß, mit dem Leiterwägelchen in der Gegend herumzukommen: bergaufwärts war es weniger schön, dafür bergabwärts um so schöner – einerlei, ob als Lenker oder als Bremser! –

Im Herbst ging es dann los mit dem Besuch der Dornstetter „Schwarzwaldakademie“ – wie das heutige Progymnasium damals im Volksmund ironisch bezeichnet wurde . In nur einem Klassenzimmer wurden 4 Jahrgänge unterrichtet. Nach einiger Zeit bekamen wir für 5 Klassen einen zweiten, und etwas später sogar von der Berufsschule zur stundenweisen Mitbenutzung noch einen dritten Klassenraum.

Zuerst besuchten wir die Schule – oft zweimal täglich – zu Fuß durch das Birkental oder den Bahndamm entlang über den Lattenberg. Im Winter benutzten wir Schlitten oder Skier. Der Tauschhandel bescherte uns dann im nächsten Frühjahr sogar ein Fahrrad und nach einiger Zeit konnte man auch wieder mit dem Zug bis Dornstetten fahren.

Dann war die Kriegs- und Nachkriegszeit so gut wie vergessen, und die Menschen blickten nur noch in die Zukunft.

Roland Maier, Schopfloch, im März 1995

Johannes Schultheiß, geboren im Dezember 1933, zum Zeitpunkt des Einmarsches stark 11 Jahre alt, erzählt:

„Ich war damals ein Schuljunge, oder wie man auf Schopflocher Schwäbisch sagt, ein „Schulerbua“. Wir hatten damals eine Lehrerin namens Herzog. Der frühere Lehrer Baumann war versetzt worden nach Schlesien.

Normalerweise hätten wir damals vormittags zur Schule gehen müssen, doch ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den Tagen des Einmarsches in die Schule gegangen sind. Es gab ja für uns Jungen außerhalb der Schulstunden viel Wichtigeres zu erleben und zu sehen. Als Kinder hatten wir keine Angst vor den Besatzungssoldaten. Wir haben immer wieder mit den Soldaten Kontakte aufgenommen, haben teilweise auch Dinge von ihnen bekommen, und die ganzen dramatischen Ereignisse des Einmarsches also recht hautnah erlebt.“

– “Das erste Zusammentreffen mit den einmarschierenden Franzosen beobachtete ich in der Nähe unseres elterlichen Hauses an der Kreuzung Kirchsteige / Lindenstraße, als ein Panzer hinter zwei französischen Soldaten her in die Gartenstraße einfuhr.

Einer der Soldaten fragte dann meinen Vater in gebrochenem Deutsch: „Du Soldat, du Pistol?“, worauf er antwortete: „Nix Soldat, Nix Pistol!“ Meine Mutter allerdings war etwas ängstlicher, und sagte spontan: „Doch Pistol!“ Sie ging dann mit dem Soldaten in die Wohnung hinauf, holte dort aus einer Kommode im Wohnzimmer eine Pistole heraus, und überreichte sie dem Franzosen.

Ein Stück weiter, oben in der Lindenstraße, wohnte damals der „Ruossles-Bauer“, mit richtigem Namen Finkbohner. Der „Ruossles-Bauer“ hatte einen französischen Kriegsgefangenen namens Franz-Josef, der auch an der Kreuzung dabeistand, und das Ganze beobachtete. Als dieser sah, dass mein Vater noch seine offizielle Dienstmütze aufhatte, mit den von den Franzosen natürlich nicht gern gesehenen Emblemen des Dritten Reiches, rief er meinem Vater zu: „Schmeiß die Mütze weg!“ Mein Vater folgte diesem Aufruf – das dürfte ihn mit Sicherheit vor einigen Schwierigkeiten bewahrt haben!“

Diesem ersten Panzer in Schopfloch folgten noch weitere. Insgesamt siebenhundert Panzer und sonstige Kettenfahrzeuge dürften es wohl gewesen sein. Da mein Vater „Schütz“ war, musste er auf Befehl des französischen Kommandeurs ausschellen, dass alle Fotoapparate, Fahrräder, Radiogeräte usw. auf dem Rathaus abzugeben seien.

Während er im Dorf unterwegs war, um diese Nachricht zu überbringen, schoss von Dürrenmettstetten her die Deutsche Flak nach Schopfloch. Von den Splittern wurde ein französischer Soldat tödlich getroffen. Außerdem traf ein Splitter dieses Geschosses den Dachstock des Hauses vom „Wanger-Erwin“ (Erwin Maier) in der Horber Straße, und setzte den Dachstuhl in Brand.

Die Einwohner von Schopfloch mussten, wie schon erwähnt, verschiedene Dinge auf dem Rathaus abgeben, u.a. auch Fahrräder. Auch meine Schwester Paule (Hauf-Helber) fuhr mit dem Fahrrad zum Rathaus hinunter, um es dort abzuliefern. Natürlich standen dort auch Franzosen herum, um die Güter zu bewachen. Einer davon wollte ihr seine Pistole zeigen. Dabei löste sich ein Schuss, und traf sie im Bein. Sie erlitt einen Durchschuss, und musste acht Tage das Bett hüten. Die Leute aus der Nachbarschaft nützten diese Situation aus, und brachten ihr verschiedene Sachen, wie Hitlers „Mein Kampf“, oder andere Gegenstände aus dem Dritten Reich, um sie bei ihr, oder unter dem Bett zu verstecken.

Natürlich mussten die vielen französischen Soldaten auch im Dorf untergebracht werden. Ein marokkanischer Soldat ging damals durch die Straßen von Haus zu Haus und schrieb mit Kreide an die Türen, wieviele Soldaten jeweils in dem Haus zu übernachten hätten. Ich kann mich erinnern, dass in einer Wohnstube bis zu 17 Mann untergebracht waren.

Die Soldaten waren zu uns Kindern im Großen und Ganzen anständig. So konnten auch unsere Kontakte mit den französischen Soldaten sehr intensiv sein.

Ich weiß auch noch, dass auf dem Kirchturm die weiße Fahne gehisst wurde, als Zeichen der Kapitulation. Soviel ich mich erinnern kann, waren in Schopfloch zeitweise ungefähr 1.000 Mann französische Besatzungssoldaten stationiert.“